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Internationale Beispiele

Belgien: ein ständiger Bürgerrat

Die meisten Bürgerräte sind ein einmaliges Ereignis: Sie treten zusammen, entscheiden und lösen sich dann auf. Das belgische Ostbelgien wählte einen anderen Weg. Hier wurde die deliberative Beteiligung nicht als gelegentliches Experiment, sondern als ständige, neben das Parlament gebaute Institution geschaffen – weltweit als Erstes. Dieser Beitrag zeigt, wie dieses dauerhafte Modell funktioniert und warum es für die Zukunft ein Vorbild sein kann.

CivicLab-Redaktion InnoK Wissensmanagement-Institut
5 Min. Lesezeit 2026

01 Vom einmaligen Ereignis zur ständigen Institution

Die Mehrheit der internationalen Beispiele – von Irland bis Frankreich – ist ein einmaliger, zu einer konkreten Frage einberufener Prozess. Diese haben ihre eigene Kraft, aber auch eine gemeinsame Schwäche: Das in ihnen angesammelte Wissen, die Erfahrung und der Schwung zerfließen am Ende des Prozesses, und bei der nächsten Sache muss alles von vorn beginnen. Zudem erschwert der gelegentliche Charakter, dass sich die deliberative Beteiligung wirklich in die Entscheidungsfindung einfügt.

Ostbelgien – Belgiens kleine, rund 77 000 Menschen zählende deutschsprachige Gemeinschaft – gab genau auf dieses Problem eine neuartige Antwort. 2019 schuf sie durch einen Beschluss des lokalen Parlaments eine ständige deliberative Institution, die dauerhaft, fortlaufend neben der Gesetzgebung arbeitet. Es war weltweit der erste Fall, in dem die auf Los beruhende Bürgerbeteiligung nicht als Projekt, sondern als ständige, gesetzlich verankerte Institution in das demokratische System eingebaut wurde. Die Fachliteratur führt diese Lösung als „Ostbelgien-Modell".

02 Wie ist das Modell aufgebaut?

Das System besteht aus zwei aufeinander aufbauenden Elementen, und gerade diese Zweiheit macht seine Stärke aus.

  • Ständiger Bürgerrat (Bürgerrat). Ein kleineres, per Los ausgewähltes Gremium, das dauerhaft arbeitet. Es entscheidet nicht in konkreten Sachen, sondern ist der „Dirigent" des Prozesses: Es legt fest, mit welchen Themen sich die Versammlungen befassen sollen, organisiert und startet sie und verfolgt anschließend, was aus ihren Empfehlungen wird.
  • Bürgerversammlungen (Bürgerversammlung). Das sind zu konkreten Fragen einberufene Gremien aus einigen Dutzend – typischerweise 25–50 – per Los ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern, die eine bestimmte Sache abwägen und Empfehlungen für die Entscheidungsträger formulieren.

Die Teilnehmenden beider Gremien werden per Los ausgewählt, damit die Gruppen die Bevölkerung widerspiegeln. Die Mitglieder des Rates üben ihr Amt für eine festgelegte, begrenzte Zeit aus – typischerweise gut ein Jahr – und übergeben ihren Platz dann an neue, sodass sich das Gremium fortlaufend erneuert und sich daraus keine geschlossene, selbstlaufende Elite bildet.

03 Der Schlüssel: verpflichtende und öffentliche Rückmeldung

Die vielleicht wichtigste Neuerung des Modells liegt nicht in seiner Struktur, sondern in den Konsequenzen. Die Empfehlungen der Versammlungen verschwinden nicht im System: Das lokale Parlament und die Regierung müssen öffentlich und substanziell auf sie reagieren. Sie müssen begründen, was sie annehmen und was nicht – und wenn sie einen Vorschlag ablehnen, müssen sie auch das erklären. Die Umsetzung der angenommenen Empfehlungen wiederum verfolgt gerade der Ständige Rat.

Diese eingebaute, verpflichtende Rückmeldung ist genau der Punkt, an dem der französische Klimakonvent scheiterte. In Ostbelgien überlässt es das System nicht dem Wohlwollen der Entscheidungsträger, ob sie sich mit den Vorschlägen befassen – es erzwingt die Antwort und die Nachverfolgung institutionell. Damit heilt das Modell gerade die empfindlichste Schwäche deliberativer Prozesse.

04 Wie entstand das Modell?

Das ostbelgische Modell kam nicht aus dem Nichts. Sein Vorläufer war ein aus einer Bürgerinitiative erwachsener, experimenteller Bürgerprozess, der zeigte, dass die auf Los beruhende Abwägung auch vor Ort funktioniert. Die Erfahrung war so überzeugend, dass das lokale Parlament beschloss: Es lässt den Schwung nicht verstreichen, sondern verwandelt ihn in eine dauerhafte Institution. Das System wurde 2019 durch einen Parlamentsbeschluss gesetzlich verankert geschaffen – damit wurde die deliberative Beteiligung in Ostbelgien nicht zu einem vom Wohlwollen einer Regierung abhängigen Projekt, sondern zu einem ständigen, gesetzlich festgeschriebenen Teil der demokratischen Struktur.

Dieser Schritt ist an sich schon lehrreich. Er zeigt, wie eine Gemeinschaft von einmaligen Experimenten zur Institutionalisierung fortschreiten kann: Zuerst erprobt sie die Methode an einer greifbaren Sache, gewinnt Erfahrung und Vertrauen, und gießt dann die bewährte Praxis in einen dauerhaften Rahmen. Die Institutionalisierung ist nicht der erste Schritt, sondern die Art, den Erfolg zu bewahren.

05 Warum ist dieses Modell wichtig?

Das Ostbelgien-Modell ist in mehrfacher Hinsicht wegweisend. Erstens: Es macht die deliberative Beteiligung dauerhaft. Es ist nicht ein einzelnes begeistertes Projekt, das spurlos vergeht, sondern eine fortlaufende Institution sammelt die Erfahrung an und macht die Bürgerbeteiligung zur Routine. Zweitens: Es verleiht echten, berechenbaren Einfluss. Wegen der verpflichtenden Rückmeldung ist die Beteiligung keine symbolische Geste, sondern fügt sich in den Ablauf der Entscheidungsfindung ein. Drittens: Es arbeitet nicht anstelle des repräsentativen Systems, sondern neben ihm. Das gewählte Parlament und die ausgelosten Bürgergremien arbeiten gemeinsam, einander ergänzend – das deliberative Element ersetzt die Demokratie nicht, sondern bereichert sie.

Die Größe des Modells – eine kleine Gemeinschaft – ist zugleich seine Tugend und seine Grenze. In kleinem Maßstab lässt sich ein solches System leichter einführen und betreiben, und auch die Nähe der lokalen Gemeinschaft hilft. Eine offene Frage ist, wie sich dies auf größere, bevölkerungsreichere Gemeinschaften skalieren lässt. Doch gerade das macht es zu einem wertvollen Versuchsfeld: Es zeigt live, wie die deliberative Demokratie aussehen kann, wenn sie kein Gelegenheitsgast, sondern ein ständiger Bewohner der Entscheidungsfindung ist.

06 Internationales Echo und Verbreitung

Das ostbelgische Modell erhielt im Verhältnis zu seiner geringen Größe enorme internationale Aufmerksamkeit. Als weltweit erste ständige, an ein Parlament gebundene deliberative Institution wurde es zum Bezugspunkt für all jene, die sich die Bürgerbeteiligung nicht als gelegentliches Projekt, sondern als dauerhaftes System vorstellen. Zahlreiche Städte und Regionen studierten seinen Aufbau und schöpften daraus bei der Gestaltung ihrer eigenen ständigen oder wiederkehrenden Bürgergremien.

Die Verbreitung des Modells zeigt, dass die nächste Phase der Entwicklung der deliberativen Demokratie gerade die Institutionalisierung sein könnte. Während die großen Experimente der 2010er-Jahre meist einmalige Versammlungen waren, weist die Tendenz der letzten Jahre zunehmend in Richtung Dauerhaftigkeit: ständige Räte, wiederkehrende Versammlungen, eingebaute Rückmeldepflichten. Ostbelgien ist darin wegweisend – ein lebendiger Beweis dafür, dass die auf Los beruhende Abwägung nicht nur ein spannendes Experiment, sondern auch ein funktionsfähiger, dauerhafter Teil des demokratischen Institutionengefüges sein kann.

07 Was können wir daraus lernen?

Die wichtigste Lehre des ostbelgischen Beispiels ist, dass die deliberative Beteiligung nicht nur ein einmaliges Ereignis sein kann, sondern auch eine dauerhafte Institution. Wer die Bürgerbeteiligung ernst meint, sollte über die Logik einzelner Projekte hinausgehen und darüber nachdenken, wie sich die Beteiligung regelmäßig und berechenbar machen lässt. Die andere Lehre ist die Institutionalisierung der Rückmeldung: Das Modell beugt der Enttäuschung gerade dadurch vor, dass es die Antwort der Entscheidungsträger nicht auf Wohlwollen, sondern auf eine Regel gründet.

08 Zusammenfassung

Ostbelgien hat gezeigt, dass die deliberative Demokratie auch zu einer ständigen Institution werden kann. Der Ständige Bürgerrat und die zugehörigen Versammlungen bilden ein dauerhaftes, auf Los beruhendes, neben das Parlament gebautes System, in dessen Mittelpunkt die verpflichtende, öffentliche Rückmeldung steht. Dieses Modell heilt gerade jene Schwäche, die den großen einmaligen Experimenten – etwa dem französischen Konvent – zusetzte. Der abschließende Beitrag der Serie wechselt den Maßstab: An europäischen Beispielen auf städtischer Ebene zeigt er, wie die deliberative Beteiligung in lokalen Angelegenheiten greifbare Ergebnisse bringen kann.

Quellen

  • Bürgerdialog Ostbelgien – Was ist der Bürgerrat / die Bürgerversammlung? · buergerdialog.be
  • The Ostbelgien Model: a long-term Citizens' Council · oidp.net
  • Niessen, C. & Reuchamps, M. (2020): Institutionalising Citizen Deliberation in Parliament: The Permanent Citizens' Dialogue in the German-speaking Community of Belgium · KU Leuven
  • G1000: Report on the G1000 citizens' summit · g1000.org
  • OECD (2020): Catching the Deliberative Wave · oecd.org