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Methoden in der Praxis

Wie kann eine kleine Gruppe die Vielfalt des Bezirks widerspiegeln?

Wie können einige Dutzend per Los ausgewählte Menschen glaubwürdig die Bevölkerung eines ganzen Bezirks vertreten? Das Geheimnis ist die geschichtete Zufallsstichprobe: eine Methode, die zugleich die Kraft des Zufalls und die bewusste Ausgewogenheit nutzt. Dieser Beitrag zeigt Schritt für Schritt, wie sie funktioniert.

CivicLab-Redaktion InnoK Wissensmanagement-Institut
5 Min. Lesezeit 2026

01 Die Frage, die sie beantwortet

In einem Bürgerrat entscheiden typischerweise 40–100 Menschen über Angelegenheiten, die mehrere Zehntausend Bürgerinnen und Bürger betreffen. Die Frage ist berechtigt: Warum sollten wir glauben, dass diese Handvoll Menschen irgendjemanden außer sich selbst vertritt? Die Antwort liegt in der Art der Auswahl. Wenn die Teilnehmenden so ausgelost werden, dass die Gruppe die Gesamtbevölkerung nach den wichtigen Merkmalen widerspiegelt, dann gibt die kleine Stichprobe die Zusammensetzung des großen Ganzen überraschend treu wieder – genauso, wie sich aus einem einzigen Löffel einer gut umgerührten Suppe der Geschmack des ganzen Topfes beurteilen lässt.

Genau das ist das Ziel der geschichteten Zufallsstichprobe: eine „Mini-Gemeinschaft" zu schaffen, die den Bezirk oder die Gemeinde im Kleinen abbildet. Es versammeln sich nicht die Lautesten und auch nicht die am stärksten Betroffenen, sondern eine Gruppe, in der die vielfältigen Lebenslagen ungefähr in demselben Verhältnis vertreten sind wie in der Wirklichkeit.

02 Warum reicht der reine Zufall nicht?

Auf den ersten Blick läge es nahe, einfach 60 Menschen zufällig aus dem Melderegister auszulosen, und fertig. Der reine Zufall ist tatsächlich verzerrungsfrei – bei einer kleinen Stichprobe aber unzuverlässig. In einer sechzigköpfigen Gruppe kann der Zufall leicht „verrutschen": Es kann sein, dass unverhältnismäßig viele Ältere oder wenige Junge, zu viele Männer oder kaum einige Bewohnerinnen und Bewohner aus den Randbezirken hineingeraten. Bei einer großen Stichprobe würde sich das ausgleichen, bei einer kleinen kann es jedoch eine erhebliche Verzerrung verursachen.

Hinzu kommt, dass nicht alle zufällig Ausgewählten die Teilnahme auf sich nehmen, und auch die Absage erfolgt nicht zufällig: Bestimmte Gruppen sagen systematisch seltener Ja. Wenn wir das nicht korrigieren, verzerrt sich die endgültige Gruppe nach der Bereitschaft zur Anmeldung. Genau diese beiden Probleme behebt die Schichtung.

03 Wie läuft es Schritt für Schritt ab?

In der Praxis gliedert sich der Prozess typischerweise in drei Phasen.

  • Einladung. Die Organisatoren senden mehreren Tausend – typischerweise fünf- bis zehntausend – zufällig aus dem offiziellen Melderegister ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern eine Einladung. Die große Zahl ist nötig, weil sich nur ein Bruchteil von ihnen anmelden wird.
  • Anmeldung. Die Interessierten melden sich zurück und geben einige grundlegende demografische Angaben über sich an: Alter, Geschlecht, Bildungsabschluss, Wohnort und oft weitere Merkmale.
  • Geschichtete Auslosung. Aus den Angemeldeten werden die endgültigen Teilnehmenden ausgelost – typischerweise 40–100 Personen –, aber nicht blindlings, sondern so, dass die Zusammensetzung der Gruppe die Gesamtbevölkerung nach den gewählten Kriterien widerspiegelt.

Der letzte Schritt ist entscheidend. Die Auslosung bleibt zufällig, ist aber durch „Quoten" gerahmt: Wenn 20 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt sind, dann werden auch etwa 20 Prozent der Teilnehmenden es sein. So sind die Reinheit des Zufalls und die Repräsentativität zugleich gewährleistet.

04 Nach welchen Kriterien schichten wir?

Die Schichtungskriterien werden vom Thema und den örtlichen Verhältnissen bestimmt, doch einige Merkmale kommen fast immer vor. Alter, Geschlecht, Bildungsabschluss und Wohnort (etwa Stadt- oder Ortsteil) bilden den Grundstock. Je nach Art der Entscheidung können weitere hinzukommen: Bei einer Verkehrsfrage kann wichtig sein, ob jemand mit dem Auto, den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad unterwegs ist; bei einer Wohnungsfrage Eigentum oder Miete.

Das Ziel ist nicht, jedes denkbare Kriterium abzudecken – das wäre unmöglich und auch überflüssig. Einige gut gewählte, für die Entscheidung relevante Merkmale genügen, damit die Gruppe die Gemeinschaft glaubwürdig widerspiegelt.

05 Warum gerade das Losverfahren?

Die zufällige Auswahl – das Losverfahren – trägt schon für sich eine wichtige Botschaft. Auf grundsätzlicher Ebene bringt sie zum Ausdruck, dass im Prinzip jeder hätte hineingelangen können: Teilnahme ist keine Frage des Verdienstes, des Einflusses oder der Lautstärke, sondern des reinen Zufalls. Das greift auf die uralte Idee der demokratischen Gleichheit zurück und verleiht gerade deshalb eine starke Legitimation.

Es hat auch einen praktischen Vorteil: Das Losverfahren wehrt die Verzerrung durch Selbstselektion ab. Es entscheiden nicht diejenigen, die das Anliegen ohnehin stark betrifft oder interessiert, sondern ein ausgewogener Querschnitt. Viele werden gerade dadurch offen: Die per Los ausgewählte teilnehmende Person kommt nicht als Vertreterin eines Lagers, sondern als einfache Bürgerin, die bereit ist, die Frage wirklich zu durchdenken.

06 Worin unterscheidet sie sich von der Stichprobe einer Meinungsumfrage?

Die Frage ist berechtigt: Wenn auch Meinungsforscher eine repräsentative Stichprobe ziehen, was ist hier neu? Der Unterschied liegt im Ziel und im Maßstab. Die Stichprobe einer Meinungsumfrage dient dazu, in großer Zahl kurz Menschen zu befragen und statistisch genaue Anteile zu messen – „wie viel Prozent der Bürger dies denken". Die Stichprobe trifft sich nie, unterhält sich nicht, wägt nicht ab; die Antwort ist die Festhaltung einer momentanen Meinung.

Die Stichprobe des Bürgerrats dient dagegen nicht der Messung, sondern dem gemeinsamen Nachdenken. Sie ist kleiner – denn sie muss tagelang zusammenarbeiten –, erhält dafür aber Zeit, Information und Dialog. Die Schichtung dient hier nicht der statistischen Genauigkeit, sondern dazu, dass die im Raum sitzende Gruppe die Vielfalt der Gemeinschaft glaubwürdig widerspiegelt und die Abwägung so nicht einseitig ausfällt. Das Ziel ist also nicht, herauszufinden, „wie viele" etwas denken, sondern dass eine die Gemeinschaft widerspiegelnde Gruppe eine fundierte Empfehlung abgibt.

07 Ein Beispiel aus der Praxis

Die inländischen und internationalen Bürgerräte veranschaulichen den Maßstab der Methode gut. In einem typischen lokalen Prozess senden die Organisatoren mehreren Tausend – oft fünf- bis zehntausend – Bürgerinnen und Bürgern eine Einladung, um aus den Angemeldeten schließlich eine Gruppe von einigen Dutzend, typischerweise 40–100 Personen, zusammenstellen zu können. Die internationalen Beispiele zeigen eine ähnliche Größenordnung: Die irische Citizens' Assembly arbeitete mit 99 Personen, die französische Convention Citoyenne pour le Climat mit 150 Personen und die städtischen Bürgerräte typischerweise mit 50–60 Personen. Das gemeinsame Prinzip ist überall dasselbe: ein ausreichend großer Kreis von Eingeladenen, aus dem sich durch geschichtete Auslosung ein die Bevölkerung widerspiegelndes, handhabbares Gremium zusammensetzt.

08 Worauf ist zu achten?

Die Methode funktioniert nur, wenn sie sorgfältig angewendet wird. Die Zahl der Eingeladenen sollte groß genug sein, damit sich aus den Angemeldeten tatsächlich die ausgewogene Gruppe bilden lässt. Die Hürden der Anmeldung – Zeitmangel, Misstrauen, digitale Barrieren – müssen bewusst gesenkt werden, etwa durch eine Aufwandsentschädigung, flexible Termine und persönliche Ansprache, sonst fehlen gerade die üblicherweise Ausgeschlossenen auch unter den Angemeldeten. Schließlich müssen die Schichtungskriterien im Voraus transparent festgehalten werden, damit der Prozess auch nachträglich überprüfbar und glaubwürdig ist.

09 Fazit

Die geschichtete Zufallsstichprobe ist die Methode, die es ermöglicht, dass einige Dutzend Menschen eine ganze Gemeinschaft glaubwürdig vertreten. Der Zufall sichert die Verzerrungsfreiheit, die Schichtung dagegen, dass die kleine Gruppe die Bevölkerung tatsächlich widerspiegelt. Diese Technik ist einer der Grundpfeiler der deliberativen Beteiligung – aber für sich allein reicht sie nicht: Die Teilnehmenden brauchen für die Entscheidung auch gute Informationen. Der nächste Beitrag handelt davon, was ein Hintergrundmaterial ausgewogen macht.

Quellen

  • Közösségi Gyűlés – Hogyan történik? · kozossegigyules.hu
  • InnoK Tudástár – A gondolkodó demokrácia modellje (James S. Fishkin) · urbanlab.hu
  • OECD (2020): Innovative Citizen Participation and New Democratic Institutions · oecd.org
  • newDemocracy Foundation: A framework for developing a public deliberation · newdemocracy.com.au
  • Sortition Foundation: Stratified random selection · sortitionfoundation.org

Serie · 4 Teile

Methoden in der Praxis

Sie sind hier
01
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02
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Was macht ein Hintergrundmaterial ausgewogen?
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Die Kunst der neutralen Moderation
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